Rückwärts immer. Was die Schließung von Goethe Instituten für Europa bedeutet. Und für Rotterdam. Und für uns. (2024)

Rückwärts immer. Was die Schließung von Goethe Instituten für Europa bedeutet. Und für Rotterdam. Und für uns.

Ausgabe 3/2024

von Susanne Altmann

Es ist schon ziemlich peinlich.

In genau dem Moment, als das niederländische Goethe Institut und der Freistaat Sachsen mit dem Projekt „Begegnungen // Ontmoetingen“ ihren kulturellen Schulterschluss feiern, hat ein Hauptakteur des Ganzen nicht einmal mehr einen eigenen Webauftritt. Website not found. Danke! Uneleganter könnte eine Abwicklung nicht aussehen. Wer in den letzten Monaten Informationen über den langjährigen Künstler*innenaustausch zwischen Rotterdam und Dresden suchte, für den endete die Recherche im digitalen Niemandsland. So, als hätte es die geniale Zusammenarbeit des Goethe Instituts Rotterdam, des dortigen Büros für Gegenwartskunst (cbk) und dem Dresdner Kulturamt nie gegeben.

Ausgerechnet während der Laufzeit des sächsischen Auftritts in den Niederlanden (hauptsächlich in Rotterdam), sind davon online keinerlei Zeugnisse mehr zu finden. Fort sind die ambitionierten Projekt­beschrei­bungen von Dresdner Stipendiat*innen wie Lisa Maria Beier, Moritz Liebig, Antje Seegers und vielen anderen. Keine Spur mehr von spannenden Biografien der Rotterdamer Gäste wie Judy van Luyck, Sarojini Lewis oder Simon Kentgens (t.n.b.a.f.) Die sinnvolle Einrichtung von Rückschau-Archiven, wie sie so ziemlich jede Kultureinrichtung auf ihrer Homepage pflegt – bei der wohl größten deutschen Kulturoffensive fehlt sie in diesem Falle völlig. Das ist symptomatisch für den geistlosen und praxisfernen Kahlschlag, den (west)europäische Goethe Institute – neben Rotterdam etwa auch Bordeaux, Straßbourg, Turin, Genoa – erleiden mussten.

Die öffentliche Aufregung über die Schließungen hielt sich in Grenzen, empörte Stimmen aus dem höheren Staatsapparat erwiesen sich als nicht zuständig. Wer nun genau diesen „Transformationsprozess“, so der offizielle Euphemismus, ins Rollen brachte, bleibt im Schattenreich von Bürokratie und Machtpoker. Ebenso nebulös die Begründungen: Man wolle sich (Guten Morgen, 1989!) dringend nach Osten ausweiten, seien doch wichtige Standorte in Russland und Minsk de facto Opfer der geopolitischen Krisen geworden.

Wie bitte? Der Schrumpfung mit einer weiteren Schrumpfung begegnen: ein Szenario wie aus dem Schildbürger-Universum. Von neu einzu­richtenden Filialen in Fiji und Texas wurde gemunkelt, wo deutsche Kulturimporte offenbar dringlich erscheinen. Keine Silbe dagegen über eine plausiblere Präsenzverstärkung, zum Beispiel in Afrika oder Südamerika. Weltpolitik wabert durch solche Verlautbarungen wie Wagners Wogen: immer offen für völlig gegensätzliche Beweisführungen. Texas! Echt. Und da haben wir noch nicht einmal über den Verkaufswert der nun auf den Markt kommenden Immobilien gesprochen. Die Sache bleibt peinlich, doch sicherlich nicht für die um ihre Existenz ringenden Schließungskandiaten und ihr Personal.

Hierfür bietet Rotterdam das beste Beispiel. Während ihnen nach und nach der Handlungsspielraum (und die Internetpräsenz) entzogen wurde, stellten Claudia Curio, Kathrin Wolkowicz, Kim Zieschang und ihr Goethe-Team unbeirrt ihre aktuellen Kulturprogramme zusammen. Es war bereits weit im Vorfeld der Hiobsbotschaft jammervoll, die Auflösung der Bibliothek mitzuerleben; einer Bibliothek mit exzellentem Kunstschwerpunkt übrigens – im empirischen Ranking einer Nutzerin (d.A.) weit vor der des Amsterdamer Hauptquartiers bewertet.

Die dadurch vakanten Räume wurden bald durch ein einzigartiges Atelierprogramm für Rotterdamer Künstler*innen belebt. Das moderne Grachtenhaus an der Westersingel verwandelte sich in eine Kreativzelle, in der zeitgleich bis zu zehn Kunstschaffende aktiv waren. Regelmäßig trafen sie sich zur Hausrunde im Schaufenstercafé und begeisterten einander für ihre jeweiligen Ideen. Ein solches Erfolgsmodell, das sich innerhalb der lokalen Stadtgesellschaft verortet und unversehens zum Treffpunkt von, meist sehr jungen Akteuren aus Tanz, Medienkunst, Forschung, Literatur und bildender Kunst wurde, ist (war) in der doch recht routinierten Goethe-Arbeit bislang unbekannt. In diesen, mit kritischem Esprit gefüllten Pool, tauchten mehrmals im Jahr die Resident*innen aus Dresden ein. Schon im Viertel an der Kruiskade inhalierten sie auf der Straße eine Dosis von hafenstädtischer und oft temperamentvoller Welthaltigkeit. An ihren Rotterdamer Kolleg*innen begegneten ihnen deren globale Wurzeln – ein Phänomen von selbstverständlicher Diversität, das Dresden so nicht bieten kann.

Doch soll hier kein anekdotischer Mikrokosmos beschworen werden, sondern vielmehr gezeigt, wieso es gerade für Westeuropa eine Tragödie ist, wenn derartige Kommunikationsorte abgewickelt werden. The bigger picture, neudeutsch gesagt. Dazu muss noch nicht einmal die, für jedes vernunftbegabte Wesen fatale Europawahl vom Juni 2024 bemüht werden. Das ist nur das bittere Sahnehäubchen von kultur- und bildungspolitischer Kurzsichtigkeit. Spätestens als im November 2023 der toxische Rechtspopulist und vormalige Pegida-Gast Geert Wilders die Parlamentswahlen gewann, war es mit dem netten Klischee von der weltoffenen, traditionell freiheitlichen Niederlande endgültig vorbei. Ein Schock, der ganz Europa hätte angehen und zu einem verstärkten, grenzüberschreitenden Zusammengehen in zivilgesellschaftlichen Belangen und Kultur führen müssen. Das gleiche, düstere Szenario gilt mittlerweile für Italien und für Frankreich – ausgerechnet für die beiden Länder, in denen ebenfalls Goethe-Dependancen geschlossen werden.

Haben die Entscheider*innen des Prestige-Instituts völlig vergessen, dass sie auch eine moralische Verantwortung haben und dass ein rechtslastiges Europa genauso ein brisanter Konfliktherd ist wie jede andere zivilisatorische Sollbruchstelle? Genau in dem Moment, wo Haltung und Präsenz dringlicher sind als je, wird ein regressiver „Transformationsprozess“ vom Zaum gebrochen. Dessen Leidtragende sind nicht nur die Künstler*innen und die engagierten Mitarbeiter*innen in Genoa, Straßbourg oder Rotterdam. Nein, es ist eine Generation, der niedrigschwellige Bildungs- und Kulturangebote bald exotisch vorkommen werden. Ganz abgesehen von dem befreienden Gefühl, Teil eines planetarischen Gefüges zu sein.

Das klingt pathetisch. Soll es auch. Denn dieser europafeindliche Rückschlag warf auch seine Schatten auf den Höhepunkt der „Begegnungen // Ontmoetingen“, Ende Mai in Rotterdam. Dabei war die Gruppenausstellung „Ursula Walter Exposeert“ nicht nur als grenz­überschreitende Feier für das zehnjährige Jubiläum des gleichnamigen Dresdner Projektraums gedacht. Sondern eben auch als Schaufenster ­für das lebhafte Interesse der Dresdner und der Rotterdamer Kunst­szenen aneinander. Eine Liebeserklärung vielleicht.

Denn zusätzlich zu den sächsischen Künstler*innen wurden etwa genauso viele Rotterdamer Positionen eingeladen und zu einem prachtvollen Resultat verwebt. Apropos Textil: Christoph Roddes „Reisekleid für Ursula Walter“ und das dazugehörige Handtuch symbolisierten als Leitmotiv und genähte Poesie das – auch thematische – Interesse füreinander. Spätestens mit dem Hinzutreten von Fatima Barznges überstickten Familienerbstück, einem Gebetsteppich, wurden diese Bezüge klar. Auch Maarten Janssens zunächst konstruktiv, dann eher narrativ erscheinende Wandabwicklung aus architektonischen und historischen Dresdner Bausteinen verkörperte ein Thema, das gleichsam auf der Straße liegt – nämlich die Auseinandersetzung mit den kriegsbedingten Neuerfindungen beider Städte. Architektur als Fakt und Fiktion, als Praxis und Projektion: Darüber reflektieren nicht nur Patricia Westerholz' Papierschnitte, sondern auch Kathrin Wolkowicz' so fragile wie alltägliche Readymades, die sie gemeinsam mit Einwohner*innen einer vom Abriss bedrohten, sozial prekären Siedlung in Rotterdam entwickelte. Ja, auch ausrangierte Wäschegestelle sind Architekturen. Daneben nahm Judy van Luyck die drohende Demolierung von Lebensräumen, aber auch deren prozesshafte Verwandlung in gekonnt brachialer Ästhetik aufs Korn, indem sie sich selbst beim Zertrümmern von Wänden filmte. Diese Gesten erinnern an das Aushaltenmüssen von Veränderungen, vor allem von nicht selbst gewählten. Je willkürlicher, desto schmerzhafter.

Die bessere Nachricht zum Schluss: Auch ohne die räumliche Bindung an das Rotterdamer Goethe Institut soll das Austauschprogramm zwischen Rotterdam und Dresden fortgeführt werden. Erste Ideen für künftige Ateliers und Wohnräume wurden am Eröffnungsabend bereits verhandelt, inoffiziell, versteht sich. Denn das Erfolgsmodul kann durchaus von Amsterdam aus organisiert werden und als innereuropäisches Alleinstellungsprojekt gelten. Und, irgendwie, als graswurzelförmige Aktion, die sich strukturellen Fehlentscheidungen entgegenstellt.

Dann wird es hoffentlich auch wieder etwas mit der Internetpräsenz.

Die Rotterdamer Ausstellung „Ursula Walter Exposeert“ im Kunstraum „neck of the woods“ endete am 22. Juni 2024. Einige Informationen dazu und zu den Events von „Begegnungen // Ontmoetingen“ hier:

https://www.goethe.de/ins/nl/de/ver.cfm?event_id=25615371

https://www.goethe.de/ins/nl/de/ver.cfm?event_id=25390597

www.instagram.com/notwrotterdam/

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